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THEATER TRIER [Studio]

am Augustinerhof 1 54290 Trier

 

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„Der Mann in der Badewanne oder wie man ein Held wird“ oder beides?

ZU EINEM STÜCK VON LUKAS LINDER

Ist dieser Einzelne nun ein Held? Ist er ein Selbst in dem Moment, in dem er spricht – oder doch ein bloßer Nachruf auf die eigene Bedeutungslosigkeit, verziert mit Badewanne und Quietscheente? Vielleicht kann er selbst nicht darüber entscheiden. Vielleicht aber doch, indem er uns seine Geschichte erzählt? Bleiben wir bei den sogenannten Fakten: Ein Mann in einer Badewanne oder, wie der Autor beteuert, Der Mann in der Badewanne. Ist dieser Mann so bestimmt, wie es der Titel vermuten lässt oder ist er doch, wie etwa „Der Mann ohne Eigenschaften“, durch seine Unbestimmtheit definiert?

Um weiterzukommen, suchen wir uns ein Beispiel aus der Geschichte heraus, die ja des öfteren von Helden berichtet: Das Gemälde „Der Tod des Marat“ von Jacques Louis David zeigt uns einen Mann in einer Badewanne. Die gemalte Szene ist reichlich absurd: Der Mann trägt einen Turban und scheint in der Badewanne gearbeitet zu haben – es liegen einige (erstaunlich gut lesbare) Schriftstücke auf seinem Schreibbrett, er hält eine Schreibfeder in der Hand und ist außerdem tot. Diese merkwürdige Szene erzählt eine Geschichte, die als bekannt vorausgesetzt wird, denn aus den Indizien lässt sich kaum ein sinnvoller Zusammenhang erschließen. Das ist vielleicht ein erster Hinweis auf unserem Weg hin zum Helden: Die Geschichte ist bekannt, schon erzählt: Marat war ein durch üble Hautkrankheit geplagter (daher ein Heilbad) französischer Revolutionsführer, der gerne Hetzschriften gegen Staatsfeinde verfasste, was wiederum zu Blutbädern führte. So wird es zumindest von seinen Gegnern erzählt. Seine Anhänger berichten von einem Märtyrer der Revolution, der sich gar selbstlos für eine verwitwete Mutter von fünf Kindern einsetzte (Letzteres besagen auch die auf der Leinwand dargestellten Schriftstücke), die sich wiederum durch List Zugang zu seinem Badezimmer verschaffte und ihn erstach.

Die Darstellung verwirrt die Gegensätze: sie stellt Marat ohne Hautkrankheit (eher als antiken Bodybuilder) dar, zugleich aber doch voller Leiden der Selbstopferung, ein Christus mit säkularisiertem Heiligenschein. Aber wie verlief diese Selbstopferung, die eigentlich ein Mord war? Ist Marat nun ein Held und wenn ja: Warum? Und was hat die Badewanne damit zu tun? Interessant ist doch, dass wir in dem ganzen Schauspiel mehr über das Publikum erfahren, als über den Helden. Dieses Publikum stellt sich selbst in seiner Reaktion auf den Helden, insbesondere auf seinen Tod dar. Eine Selbstaffektion, die einen möglichst schwungvollen Resonanzkörper braucht, um sich selbst überhaupt erfahren zu können. Das Publikum ist ein Publikum, weil es sich selbst in der Rolle des Publikums, welches zuschaut, wiederfindet und zugleich auch darstellt – und in der Rolle des Helden ein Gegenüber hat, das Darstellung (des Helden) darstellt und das Publikum als solches (durch seine Darstellung) identifiziert. Einfacher: Das Publikum braucht den Helden, um sich selbst in seinem Zuschauen (Mitfühlen, Empören, Langweilen, etc.) beobachten zu können und so die eigene Identität zu finden. Und dennoch bleibt die Frage: Wer oder was ist ein Held? Ein Echo des Publikums, das seine eigene Existenz nur gewinnt, indem es in die wortwörtliche Wiederholung des Chores eine eigene Betonung einschmuggelt? Und was ist die Badewanne? Etwa ein Verstärker („Merkst Du was ich merke?“)? Marat kann diese Frage nicht beantworten, weil er erst sterben muss, um zum Helden in der Badewanne zu werden – ein Toter, der in den Grabreden ein neues, ein anderes Leben bekommt. Und seine Badewanne war für ihn vermutlich ein pragmatisches Krankenbett und kein Schlachtschiff seiner heldenhaften Abenteuerreisen. Vermutlich.

Es bleibt also offen und vielleicht sogar unlösbar: Das Rätsel um den Helden. Aber das heißt ja auch: Es bleibt spannend! Und so kann man sich auf einen Mann in einer Badewanne nur freuen und vor allem gebannt zuschauen, ob uns der Autor Lukas Linder oder sein szenisches Gegenüber bühne1 auch tatsächlich verraten, wie man ein Held wird.
„Auftritt Albert Wegelin. Gerne von frischfröhlicher Musik untermalt. Mit Elan schiebt er sich in der Badewanne in Richtung…“

 

Kunst entfremdet
Kunst vereint

In einer Stammtischdebatte zur zeitgenössischen (wie auch jeder anderen) Kunst und Kultur scheint es Üblich, weniger auf einzelne Autoren, Maler, Musiker oder Architekten einzugehen, sondern vielmehr auf Stilrichtungen, Schulen und Manifeste einzudreschen. Es „gewinnt“ meistens auch der- oder diejenige, wer sein Halbwissen am geschicktesten in dufte Etiketten der Tradition, Nachfolgerschaft oder Antagonismen zu verpacken weiß und jenem Gesamtcocktail das Schirmchen eines niederschmetternden (wie XY schon sagte…) Schlusszitats aufsetzen kann.
Dies ist aus zweierlei Sicht bedauerlich: So tut man zunächst jedem kreativ schaffenden Wesen unrecht, es in die Schublade eines bestimmten, mehr oder weniger zutreffenden Labels zu befördern. Außerdem vollzieht man damit eine Gleichsetzung des Künstlers mit seiner vermeintlichen Partei und vertauscht somit das Einzelne mit dem Allgemeinen – was wiederum einen schleichenden aber unvermeidbaren Tod des Künstlers als Individuum bedeutet.

“My Art is not an answer, – it is a question.”

Gottfried Helnwein

An dieser misslichen Lage sind die Schaffenden selbst jedoch nicht ganz unschuldig. Das Streben nach Selbstlegitimation durch das Postulieren von Zielen und Prinzipien ihrer Werke, das gegen- und wechselseitige überbieten im Schwingen von Fahnen und im Ausrufen von Kampfparolen à la „Die Kunst soll…“ oder „Die Kunst hat (Gewünschtes ergänzen) zu sein!“ drängt uns Normalsterbliche dazu, sie auf jene Karteikarten zu zwingen, in denen sich die Kreativen allzu oft beengt und missverstanden fühlen.

Was also tun als eine Theaterinszenierung, die das Dasein in und um die Kunst zu ihrem Hauptthema macht? Sie könnte darin eine Chance sehen, die Mannigfaltigkeit der Entfremdungskunst zu durchleuchten: Zwischen Missverstehenden und Missverstandenen, zwischen Wesen und Form der Kunst, zwischen Institutionen und ihrem Kulturauftrag – einerseits. Sie dürfte aber auch nicht das vereinende Element der Entgrenzungskunst vergessen: Zwischen dem Schaffenden und seinen Rezipienten, zwischen dem Fragestellenden und der Suche nach Antworten, zwischen der Welt und ihrem innigsten, eigentlichsten Ausdruck – in der Kunst! Wird das Theater, sich seiner bescheidenen Möglichkeiten bewusst, es in der hier umrissenen Ambitioniertheit bewältigen können?
– Natürlich nicht, aber allein der Versuch sollte schon fruchtbar sein.

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