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THEATER TRIER [Studio]

am Augustinerhof 1 54290 Trier

 

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Genannt Gospodin

VON PHILIPP LÖHLE

In der aktuellen Spielzeit inszeniert bühne1 Philipp Löhles „Genannt Gospodin“, das am 19. Mai 2011 auf der Studiobühne des Trierer Stadttheaters Premiere feiern wird.

„Es kommt darauf an, dass einer es wagt, ganz er selbst, ein einzelner Mensch, dieser bestimmte einzelne Mensch zu sein.“

Kierkegaards Überzeugung von der Möglichkeit eines einzigartigen Menschseins, die Philipp Löhle seinem Stück vorausschickt, scheint in „Genannt Gospodin“ einen geeigneten Prüfstein gefunden zu haben. Verfügt der Einzelne über die notwendige Freiheit, innerhalb seiner Umwelt er selbst zu sein? In diesem Schauspiel existiert ein Miteinander viel mehr als Auflehnung des Einzelnen gegen die ihn umgebende Gesellschaft — eine Rebellion, bei der der „Held“ nicht nur dem materiellen Wohlstand, sondern auch jeglichem Verständnis gegenüber seinen Freunden entsagt. Der von Gospodin zu beschreitende Weg führt in Löhles Geschichte über das dünne Eis der Komik, das zu jeder Zeit ins Tragische einzubrechen droht.

Das Stück begleitet seinen Helden auf dem Weg des Widerstands gegen eine Gesellschaft, die jedem, der an ihr teilhaben will, ihre Regeln aufzwingt. Durch den Verzicht auf Geld und den Bruch mit der bestehenden Ordnung hofft er die ersehnte Freiheit und die verloren geglaubte Unabhängigkeit wiederzuerlangen. Doch welche Opfer eine so geartete Rebellion einfordert und was es dem einzelnen Menschen zu allerletzt bedeuten kann, „frei zu sein“, lässt sich kaum in revolutionäre Parolen pressen. Denn am Ende kommt es lediglich darauf an, „jener einzelne Mensch“ zu sein.

 

PHILIPP LÖHLE

„Genannt Gospodin“ wurde 2007 am Schauspielhaus Bochum uraufgeführt. Der gebürtige Ravensburger Philipp Löhle erhielt damit den Werkauftrag beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens sowie den Dramatikerpreis des Bundesverbandes der deutschen Industrie. Derzeit ist Löhle als Hausautor am Berliner Maxim-Gorki-Theater aktiv.

 

Von Leuten
und ihren Kleidern

„Die Regel ist abgegriffen, aber gleichwohl zuverlässig wahr und wird täglich von jedermann erlebt. (…) Die Hauptwahrheit, um die es hier geht, lautet: Ich werde zu dem, was ich trage. Um ich selbst zu sein, muss ich daher tragen, was mich zu mir selbst macht.“ („Kleider machen Leute“, aus: Peter von Matt: Die Intrige, München/Wien 2006.)

Zu unserem täglich Kostüm, das die Art und Weise unseres Daseins in der Welt prädestiniert, gehört nicht allein der Stoff, aus dem unsere Hemden und Mäntel geschnitten sind. Nicht weniger bedeutend ist etwa die Geste, mit der wir einen Gesprächspartner auf unsere Seite locken wollen oder der Blick, mit dem wir den wenigen besonderen Menschen in unserem Leben zu verstehen geben, dass sie von uns begehrt werden. Das gleiche trifft ebenfalls zu, wenn es uns darum geht, unseren Standpunkt gegenüber Anderen zu festigen, Fronten zu klären, Interessen zu wahren etc. Wegen all dem machen wir von Kostümen gebrauch – von für Andere wahrnehmbaren Seins-mustern, die in unserer Welt semiotischen Wert besitzen. Folglich ist alles, was wir tun und sind, ein Kostüm; die gesamte Existenz des Einzelnen auf diesem Planeten gleicht demnach einem nicht enden wollenden Bühnenstück, dessen wesentlichster, aufrichtigster Moment der des Kostümwechsels ist: Wenn wir die Erkenntnis darüber besitzen, dass alles darauf Folgende mehr oder weniger ein Maskenball ist.

Das Prekäre daran ist, dass – entgegen dem durch die Zeremonie des Kostümwechsels gekennzeichneten Ritual des Verkleidens – die übrigen Formen der Verwandlung in ihren Grenzen und Handlungsbereichen unscharf und kaum zu greifen scheinen. Wie kann ich überhaupt erkennen, ob mein Gegenüber in diesem Moment ein falsches Gesicht trägt und das „wahre Innere“ vor mir verborgen hält, wenn selbst seine Worte – dünken sie noch so überzeugend und mitreißend – bloß Teil der Kostümerie sind? Wie trete ich diesem Menschen entgegen – jetzt, da ich mir über die täuschende Kraft des menschlichen Verhaltens bewusst bin? Da erkenne ich plöltzlich eine noch größere Gefahr, die dieser Denkansatz in sich birgt: Wenn man nie genau wissen kann, wo die Maskierung anfängt und wann eine Verkleidung gewechselt wird, was eine Kostümierung beeinflusst oder initiiert, wie kann ich überhaupt erkennen, wann ich selbst ich selbst bin oder eine Maske trage – für wen oder was auch immer?

Und in diesem Tohuwabohu des Verkleidens auf jeder erdenklichen Ebene des Menschseins erscheint unser Miteinander wie ein Ableger der ruhmreichen „Fantômas“-Reihe, worin Jean Marais´ Doppelfigur (was für ein Zufall) seine „wahre“ Identität entblößt und die grässliche Visage des Jahrhundertschurken der Allgemeinheit preisgibt. Doch selbst die bläulich-graue Fratze des Bösewichts enttarnt sich als Maske, unter welcher erneut die bürgerliche Gestalt des Jean Marais ans Tageslicht kommt: Ein Kreislauf des Maskierens, des Demaskierens, des Um- und Gegen-Maskierens, in welchem gefangen, der Mensch letztendlich nur in dem Bewusstsein um die Vergänglichkeit jeder Erscheinung einen „Anschein“ von Freiheit erlangt.

 

 

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